Die 112 fragt als Erstes, wo du bist. „Auf der Wiese hinterm Sportplatz" ist keine Adresse.
Rettung aus dem Baum, Notruf, Einweiser, Erste Hilfe. Die vier Glieder der Kette und das eine, das am häufigsten reißt.
Die Lage, die keiner will.
Die Säge klemmt, der Ast dreht, oben wird es still. Der Kletterer hängt im Seil und antwortet nicht. Ab jetzt zählt jede Handlung am Boden und keine davon darf zum ersten Mal passieren.
Die Rettungskette ist die Reihenfolge dieser Handgriffe. Sie steht vor dem Einsatz fest oder sie steht gar nicht.
Das erste Glied: aus dem Baum.
Wer im Gurt hängt und sich nicht bewegt, ist in Gefahr, unabhängig von der Verletzung. Die SVLFG schreibt das in der Broschüre B09 in einem Satz, den man sich merken sollte: Jede handlungsunfähige Person im Gurt befindet sich in Gefahr. Bewegungsloses Hängen kann zum Hängetrauma führen und das kann tödlich enden. Die DGUV Information 204-011 sagt dazu, dass hilflose Personen möglichst schnell aus der freihängenden Position befreit werden müssen.
Möglichst schnell heißt: durch die Person am Boden. Feuerwehr und Rettungsdienste sind laut SVLFG nicht unbedingt ausgebildet und ausgerüstet, um Bäume zu besteigen, und bis sie da sind, ist zu viel Zeit vergangen. Deshalb verlangt die B09 bei jedem Einsatz mindestens zwei in der Seilklettertechnik ausgebildete Personen mit Ausrüstung, einen Rettungsplan und eine Rettungsübung mindestens einmal im Jahr. An der Hubarbeitsbühne ist das erste Glied der Notablass, den die zweite Person bedienen können muss.
Das zweite Glied: der Notruf.
112. Wer, was, wo, wie viele, welche Verletzungen, dann warten auf Rückfragen. So steht es in der B09. Das Wo ist das Glied, das am häufigsten reißt. „Auf der Wiese hinter dem Sportplatz" ist keine Adresse und die Leitstelle kann mit „am großen Baum" nichts anfangen.
Was funktioniert: Koordinaten. Jedes Handy kennt seine Position und die Leitstelle kann damit arbeiten. Im Wald der Rettungspunkt. Die DGUV Regel 114-018 verlangt für Waldarbeiten, Rettungstreffpunkte festzulegen, die mit den Rettungsdiensten vereinbart sind und von diesen angefahren werden. Die Rettungspunkte der Forstverwaltungen findest du zum Beispiel in der App „Hilfe im Wald". Der Punkt gehört auf das Papier, bevor jemand hochsteigt.
Und vorher: Netz prüfen. Die 114-018 verlangt, Funktionsfähigkeit und Netzverfügbarkeit des Mobiltelefons vor Arbeitsbeginn am Arbeitsort zu prüfen. Ohne Netz reißt die Kette, bevor sie anfängt. Dann heißt die Maßnahme: Stelle mit Empfang suchen und notieren oder ein zweites Netz dabeihaben.
Das dritte Glied: Einweiser und Zufahrt.
Der Rettungswagen kommt bis zur Straße. Dann steht er vor dem Tor, vor der Schranke, hinter dem Anhänger. Jemand muss an der Straße stehen und ihn hinführen. Das ist der einzige Job in der Kette, den auch jemand ohne Ausbildung machen kann, der Kunde, der Nachbar, die Person vom Bauhof. Vielleicht wird er deshalb so oft vergessen.
Dazu gehört die Zufahrt selbst. Häcksler und Anhänger stehen so, dass ein Rettungswagen vorbeikommt. Wenn das nicht geht, steht in der Beurteilung, wo er hält und wie weit getragen werden muss.
Erste Hilfe: wer und womit.
Die DGUV Vorschrift 1 verlangt bei zwei bis zwanzig anwesenden Versicherten mindestens einen Ersthelfer, fortgebildet in der Regel alle zwei Jahre. Für die Seilklettertechnik geht die SVLFG weiter: Jeder Anwender der Technik muss ausgebildeter Ersthelfer sein. Für Waldarbeiten nennt die DGUV Regel 114-018 zwei Ersthelfer am Arbeitsort als ausreichend, dazu einen Verbandkasten C nach DIN 13157 vor Ort und ein persönliches Verbandpäckchen bei jeder Person.
Mit der Motorsäge am Seil ist das Verbandpäckchen am Gurt kein Zubehör. Es ist der einzige Verband, der in der Krone ankommt.
Wo das alles steht.
In der Gefährdungsbeurteilung, unter dem Einsatzort. Notruf 112, Koordinaten, Rettungspunkt oder Zufahrt, Name des Einweisers, Name der Person, die die Rettung aus dem Baum macht. Vier Zeilen. Sie gehören auf das Papier, das im Auto liegt, und nicht in den Kopf, der gerade den Notruf wählt.
Nimm deine letzte Gefährdungsbeurteilung. Steht da, wer die Rettung aus dem Baum macht, wohin der Rettungsdienst fährt und wer ihn einweist? Drei Fragen, drei Namen.
Ich bin Baumpfleger, kein Jurist. Das hier ist Praxiswissen, keine Rechtsberatung. Wie viele Ersthelfer dein Betrieb braucht und was in den Verbandkasten gehört, sagt dir die Aufsichtsperson deiner Berufsgenossenschaft.
In der GBU App steht das schon drin.
Die GBU App druckt die Rettungskette unter jeden Einsatzort: Notruf 112, Koordinaten, Rettungspunkt, Einweiser. Im Wald fragt sie nach dem Rettungspunkt statt nach der Zufahrt.
Kostenlos im Browser startenDie Quellen, falls jemand nachlesen will
- SVLFG, Broschüre B09 Seilklettertechnik im Gartenbau (PDF)
- SVLFG, Broschüre B08 Baumarbeiten (PDF)
- DGUV Information 204-011, Erste Hilfe, Notfallsituation Hängetrauma (PDF)
- DGUV Vorschrift 1, § 26 Zahl und Ausbildung der Ersthelfer
- DGUV Regel 114-018 Waldarbeiten (PDF)
- App „Hilfe im Wald" mit den Rettungspunkten der Forstverwaltungen
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